Auswahl von Seilzugangsausrüstung für Arbeiten in einer Explosionsschutzzone
Sie haben einen Betrieb mit ausgewiesenen ATEX-Zonen, aktueller Explosionsschutzdokumentation und einem Auftragnehmer, der behauptet, „bereits in solchen Bedingungen gearbeitet zu haben“. Wenn Sie aber nach der Ausrüstung fragen, hören Sie: „Wir haben professionelle Ausrüstung, nach Normen zertifiziert.“ Das ist keine Antwort auf Ihre Frage. Zertifizierung nach Seilzugangsnormen ist nicht dasselbe wie ATEX-Zertifizierung. Diese beiden Kategorien können sich widersprechen oder ergänzen – wenn die Ausrüstung bewusst ausgewählt wird.
Dieser Artikel erklärt, welche Elemente der Seilzugangsausrüstung eine ATEX-Zertifizierung erfordern, welche Risiken aus falscher Materialauswahl resultieren und wie die erforderliche Ausrüstungsdokumentation aussehen sollte.
Welche Ausrüstungskomponenten müssen eine ATEX-Zertifizierung haben?
Nicht jedes Element eines Seilzugangs-Kits ist aus ATEX-Perspektive gleich wichtig. Bei der Risikobewertung müssen zwei Gefahrenmechanismen unterschieden werden: mechanische Funkenbildung – z. B. Metall trifft auf Metall oder Metall trifft auf Beton – und elektrostatische Entladung, d. h. Ladungsansammlung auf Materialien mit hohem Widerstandswert.
Elemente, die eine ATEX-Zertifizierung oder eine Materialauswahl gemäß Ex-Anforderungen benötigen, umfassen:
Abseilgeräte und Seilsteiggeräte: Metallkomponenten müssen aus funkfreien Materialien hergestellt oder für die jeweilige Zone ATEX-zertifiziert sein.
Karabiner und Verbindungselemente: Standard-Aluminiumkarabiner können bei Aufprall Funken erzeugen. In den Zonen 0, 1, 20 und 21 werden Karabiner aus Berylliumbronze oder Stahl mit Antifunken-Beschichtung verwendet.
Gurte und Verbindungsmittel: Diese erfordern eine antistatische Zertifizierung, insbesondere in Staubzonen wie den Zonen 20, 21 und 22.
Seile: Dieses Element wird in ATEX-Analysen oft übersehen, ist aber wegen des elektrostatischen Risikos bedeutsam.
Persönliche Beleuchtung: Taschenlampen und Stirnlampen müssen eine ATEX-Zertifizierung in einer für die Zone geeigneten Kategorie haben. Standard-LED-Ausrüstung qualifiziert sich nicht für Arbeiten in Gefahrenzonen.
Kommunikationsgeräte: Telefone, Funkgeräte und andere elektronische Geräte ohne ATEX-Zertifizierung dürfen nicht in die Zone eingebracht werden.
In den Zonen 2 und 22, die die niedrigste Gefahrenstufe darstellen, sind die Anforderungen weniger restriktiv. Einige Elemente der Standard-Seilzugangsausrüstung können nach einer Risikobewertung akzeptabel sein. In den Zonen 0, 1, 20 und 21 gibt es keinen Spielraum für Kompromisse.
Seile, Gurte und Abseilgeräte: Materialien und elektrostatische Entladung
Elektrostatik in ATEX-Zonen ist ein Thema, das selbst von erfahrenen Technikern oft unterschätzt wird. Synthetische Seile – Standard-Polyamid- oder Polyesterseile, die in der industriellen Seilzugangstechnik verwendet werden – können elektrostatische Ladungen durch Reibung an Oberflächen oder einfach durch die Bewegung des Technikers entlang des Seils ansammeln. Unter den richtigen Bedingungen – trockene Umgebung und Vorhandensein von Staub mit niedriger Mindestzündenergie – kann ein elektrostatischer Funke von einem geladenen Seil eine Zündung auslösen.
Anforderungen an Seile für den Einsatz in Staubzonen wie den Zonen 20, 21 und 22 umfassen:
- Seilwiderstand unterhalb des in EN ISO 6945 oder ATEX-Normen für Seile angegebenen Schwellenwerts;
- die Möglichkeit, angesammelte Ladung über ein geerdetes Element abzuleiten;
- keine Materialien mit hohen tribo-elektrischen Eigenschaften im Außenmantel.
Einige Hersteller von Seilzugangsausrüstung bieten Seile mit einem leitfähigen Kern oder antistatischer Behandlung an. Das sind keine Standardprodukte. Ihre Verfügbarkeit und Preislage unterscheiden sich von Standard-Arbeitsseilen. Ein Auftragnehmer, der sagt, er „verwende gute Seile“, sollte ein spezifisches Modell benennen und dessen elektrostatische Parameter bestätigen können.
Gurte und Arbeitskleidung bilden eine separate Kategorie. ESD-antistatische Kleidung ist in vielen Industriebetrieben Standard, aber nicht jedes ESD-Kleidungsstück erfüllt die ATEX-Anforderungen für die Zonen 20 und 21. Hersteller von Spezialberufskleidung geben in ihrer Dokumentation an, für welche ATEX-Zonenklassen das Produkt zertifiziert ist.
Funkfreie Werkzeuge: Überblick über verfügbare Lösungen
Werkzeuge für Höhenarbeiten in ATEX-Zonen sind in Deutschland noch eine relativ nicht standardisierte Kategorie. Auf dem europäischen Markt sind mehrere Arten von Lösungen erhältlich.
Berylliumbronze-Werkzeuge werden am häufigsten in Gaszonen wie den Zonen 0, 1 und 2 eingesetzt. Berylliumbronze ist hart, korrosionsbeständig und erzeugt bei Aufprall keine Funken. Es wird zur Herstellung von Schraubenschlüsseln, Hämmern, Meißeln, Schabern und Grundhandwerkzeugen verwendet. Nachteile sind ein höherer Preis und begrenzte Verfügbarkeit in kleineren Größen.
Diese Werkzeuge sind unverzichtbar bei der Oberflächenvorbereitung für Korrosionsschutzanstriche an Orten, wo das Verwenden einer Schleifmaschine oder einer Standard-Drahtbürste eine Explosion auslösen könnte.
Werkzeuge aus Kupfer- und Messinglegierungen sind eine Alternative zu Berylliumbronze und werden dort eingesetzt, wo funkfreie Anforderungen wichtig sind, aber eine etwas geringere Härte akzeptabel ist. Sie werden hauptsächlich in den Zonen 1 und 2 verwendet.
Antistatische Kunststoffwerkzeuge werden in Staubzonen wie den Zonen 20, 21 und 22 eingesetzt. Sie bestehen aus Materialien mit kontrolliertem Widerstandswert, so dass sie weder mechanisch noch elektrostatisch Funken erzeugen. Ihre Einschränkung ist eine geringere mechanische Festigkeit als bei Metallwerkzeugen.
ATEX-zertifizierte Industriestaubsauger sind von mehreren Herstellern erhältlich und als Kategorie II 2D oder II 1D gekennzeichnet. Sie haben eigensichere Motoren, HEPA-Filter zur Rückhaltung explosiver Stäube und ein Behältererdungssystem. Sie unterscheiden sich deutlich von Standard-Industriestaubsaugern, sowohl im Preis als auch in der technischen Spezifikation.
Vom Anlagenbetreiber geforderte Ausrüstungsdokumentation
Bevor Sie einen Auftragnehmer mit einem Ausrüstungsset in eine ATEX-Zone einlassen, haben Sie das Recht und die Pflicht, die Dokumentation zu prüfen. Der Auftragnehmer sollte vorlegen:
- eine CE-Konformitätserklärung für jedes ATEX-zertifizierte Gerät oder Werkzeug, mit Angabe der Kategorie, z. B. II 1G Ex ia IIC T4 für Ausrüstung für die Gaszonen 0 und 1;
- eine Betriebsanleitung in deutscher Sprache, was eine gesetzliche Anforderung für in Industrieanlagen verwendete Ausrüstung ist;
- ein Protokoll der letzten Ausrüstungsprüfung, da ATEX-Geräte kürzere Prüfintervalle als Standardausrüstung erfordern, wobei die Häufigkeit von der Kategorie und den Einsatzbedingungen abhängt;
- die Seriennummer und das Herstellungsdatum jedes Artikels, die eine Überprüfung der Zertifikatsgültigkeit ermöglichen;
- Bestätigung, dass die Ausrüstung nicht außerhalb des Zertifizierungsumfangs verwendet wurde, was besonders wichtig beim Kauf gebrauchter Ausrüstung ist.
Das Fehlen eines dieser Dokumente sollte die Durchführung der Arbeiten stoppen. Die Verantwortung dafür, einen Auftragnehmer mit ungeeigneter Ausrüstung in die Zone einzulassen, liegt beim Anlagenbetreiber, nicht beim Auftragnehmer.
Wenn Sie Seilzugangsarbeiten in einer Explosionsschutzzone planen und überprüfen möchten, ob wir über für Ihre Zonenklassifizierung geeignete Ausrüstung verfügen, fragen Sie vor der Terminvereinbarung nach dem Zertifizierungsumfang. Wir legen die Ausrüstungsdokumentation ohne unnötige Formalitäten vor.

Autor des Beitrags
Piotr Lankiewicz
Spezialist für Höhenarbeiten und Seilzugangstechnik (Industrieklettern). Inhaber eines Unternehmens, das Aufträge an den unzugänglichsten Orten des Landes realisiert. Er setzt auf Termintreue, Arbeitsschutzstandards oraz Lösungen, die Zeit und Kosten sparen, wo der Einsatz von schwerem Gerät unwirtschaftlich ist.
